Predigten

Predigt am Sonntag nach Trinitatis 2018

So spricht GOTT Zebaoth: Hört nicht auf die Worte
der Propheten, die euch weissagen!
Sie betrügen euch; denn sie
verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen
und nicht aus dem Mund GOTTes.
Sie sagen denen, die das Wort von GOTT verachten: Es wird euch wohlgehen -,
und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln,
sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

Aber wer hat in GOTTes Rat gestanden, dass er
sein Wort gesehen und gehört hätte?

Wer hat sein Wort vernommen und gehört?
Siehe, es wird ein Wetter von GOTT kommen voll Grimm
und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.
Und GOTTes Zorn wird nicht ablassen, bis er
tue und ausrichte, was er im Sinn hat;
zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

Ich sandte die Propheten nicht und doch laufen sie;
ich redete nicht zu ihnen und doch weissagen sie.
Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten,
so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es
von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist,
spricht GOTT, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
Meinst du, dass sich jemand
so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht GOTT.
Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht GOTT.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden,
die Lüge weissagen in meinem Namen
und sprechen: Mir hat geträumt,
mir hat geträumt.
Wann wollen doch die Propheten aufhören, die
Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen
und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse
über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt,
wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?

Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume;
wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht.
Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht GOTT.
Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht GOTT,
und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? – Jeremia 23,16-29

Liebe Schwestern und Brüder,

verrückt, wer sich da immer auf Gott beruft!
Auf Koppelschlössern stand der Spruch vom Gottvertrauen.

Noch heute zitieren Politiker die Rede vom christlichen Abendland,
wenn sie begründen, warum sie Flüchtlinge in Syrien verdursten lassen.

Robert Oppenheimer benannte eine seiner Atombomben nach der Heiligen Dreieinigkeit: Er habe bei der Namensgebung an ein Gedicht von John Donne gedacht. Dort heißt es: „Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott“.

Dass der Gottesbegriff Sprengkraft hat,
ist mir geläufig; aber so..?!

Der Gottesbegriff.
Drei Gedankengänge dazu:
– Gott überbietet sich immer selbst
– Gott selbst ist in stetigem Wandel begriffen.
– Kerneigenschaft Gottes ist Barmherzigkeit
Und drei Schlussfolgerungen:
– Barmherzigkeit steht über Gerechtigkeit, gerade in der Flüchtlingshilfe
– seid zurückhaltend mit religiösen Heilsversprechen
– Selbständig Denken ist gottwohlgefällig

  1. Gott überbietet sich selbst.

Egal wo Sie anfangen: Es gibt immer noch eine neue Überraschung.
Selbst das jahrhundertelange Schweigen Gottes ist ein Beweis dafür,
dass er nicht zu Wirken aufhört. Was sollte ich auch Neues sagen!?
Welche Worte würden wirken; welche Taten überzeugen?
Gerade dort, wo Gott nicht mehr zu hören ist, zeigt er sich.
Du meintest, du folgst Jesus nach, und dann kommt der Moment,
wo du in dich gehst, aufhorchst, den Blick aufrichtest
und wahrnimmst: ich hab bisher falsch gedacht,
zu weit nach links, zu sehr in mich hinein,
zu weit voraus – das Naheliegende
nicht gesehen. Wie auch immer:

Es wäre einfach zu schön, wenn alle
aus derselben Geschichte dieselbe Konsequenz ziehen.

Nehmen wir den demokratischen Aufbruch in den 1960ern.
Nehmen wir die beiden Religiösen und theologischen Antipoden:
Helmut Thielicke auf der einen, Helmut Gollwitzer auf der anderen Seite.

Beide waren befasst mit Studentenunruhen.
Beide haben Position bezogen und Partei ergriffen.
Der eine zog sich zurück – und schrieb
ein wunderschönes Buch über die religiöse Kraft des Humors,
aber mit den Studenten überwarf er sich.

Der andere setzte sich ein für Menschen,
die von der Gesellschaft geächtet waren,
von der Springerpresse geschmäht.
Besuchte Ulrike Meinhof im Gefängnis,
wurde Rudi Dutschke zum Seelsorger,
begleitete Menschen im Aufbruch, die gescheitert
und solche, die heute als Helden gelten.

Beide haben sonntags über denselben Predigttext gepredigt.
Beide haben dieselben theologischen Bücher gelesen – vor allem dieselbe Bibel.
Beide leiteten ihre Positionen her aus dem Widerstand gegen das Dritte Reich.
Aber in der Gegenwart zogen sie Positionen, die radikaler nicht sein konnten,
zeugten Nachfolger und Schüler, die bis heute
in derselben Kirche unterschiedliche Wege gehen.

Es fällt mir nicht leicht, über den einen oder den anderen
zu sagen, er sei ein falscher Prophet gewesen;
meine persönlichen Sympathien sind eindeutig;
gelernt habe ich von beiden.

Ich könnte ihnen noch weitere Personen nennen,
denen ich persönlich begegnet bin,
die ebenso in diesem Grundkonflikt gestanden sind:
Passe ich mich an oder denke ich weiter?
Greife ich auf Bewährtes zurück oder sehn ich mich nach Aufbruch?
Einer meiner Lehrer hat sich derart verirrt, dass er
aus dem Pfarrdienst ausgeschieden ist.

Uns geht es wie den Menschen zur Zeit des großen Aufbruchs
800 Jahre vor Christus: Wem sollen wir folgen?
Wem sollen wir Gehör schenken?
Wo lohnt es sich aufzubrechen?
Wer führt uns auf den richtigen Weg?

Dabei sind wir herausgefordert, eigene Wege zu finden,
selbständig zu denken und Verantwortung zu übernehmen,
gelegentlich auch auf Risiko hin.

Und das Verrückte ist:
Es wird kein Rezept geben.
Außer vielleicht dem einen:
Wer zu sehr an den Lösungen der Väter hängt, verliert den Zukunftsblick.
Rückwärtsgewandtheit ist ein Problem: Auch wenn sie damals recht hatten,
ist das keine Garantie, dass wir heute den rechten Weg finden.
Orientiere dich immer wieder neu an den Impulsen die Gott dir gibt.
Und vor allem: Glaube nicht, dass die Erkenntnis, die Gott dir heute durch eine Predigt schenkt, auch morgen noch trägt. Morgen hat neue Fragen und Sorgen.

  1. Gott selbst ist in stetigem Wandel begriffen.

Genau das ist unser christlicher Gottesbegriff.
Zumindest was du von ihm erfährst, wandelt sich.

Weil Gott selbst unauslotbar ist. Das haben wir letzten Sonntag
noch einmal buchstabiert am Dreieinigkeitsfest:

Alle Versuche, Gottes Wesen festzuschreiben,
auf einen Nenner zu bringen, in eine Formel zu gießen,
erweisen sich als schwierig, fragwürdig – zumindest problematisch.
Gott entzieht sich und zeigt sich stetig neu.
Es gibt eine schöne Redewendung dafür,
die man oft auch auf Menschen anwendet:
Diese Seite von dir kannte ich noch nicht.

Diese Seite von Gott kannte ich noch nicht.
Das wirst du immer wieder sagen müssen – oder vielleicht sogar sagen dürfen,
nicht nur irritiert, vielleicht sogar befreit:
Zum Glück zeigt Gott manchmal ein vollkommen anderes,
ein unbekanntes, ein fremdes Gesicht.

Auf Jesus bezogen:
Natürlich kann kein Mensch Gott sein.
Natürlich gibt es da diesen
unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Schöpfer  und Geschöpf.
Und manchmal frag ich mich: War es
mit dem leibhaftigen Christus nicht viel schöner?
War Gott uns in ihm nicht viel näher ins Herz geschrieben!?

Dass der Schöpfer hoch im Himmel ist,
dass Jesus uns zurücklässt wie kleine Waisenkinder,
dass der Geist weht wo er will
und die Gotteskinder
in die unterschiedlichsten Richtungen bewegt,
das führt zusammen und führt ins Ungewisse.
Das regt auf und regt an.
Das eröffnet unendliche Horizonte und nimmt uns dennoch mit.
Lässt uns nicht ratlos zurück, sondern führt zu ständig neuer Beratung zusammen.
Du hast Gott nicht in Konservendosen.
Du hats ihn auch nicht zwischenzwei Buchdeckeln.
Gott ist eine gerüttelte, geschüttelte Flasche Sprudel,
die immer neu aufschäumt und überfließt.

  1. In diesem Chaos gibt es eine Orientierung: Barmherzigkeit.

Das war der Anker, um den sich Jesus drehte.
Das war der Grund, der die Jünger in die Anbetung führt:
unendliche Barmherzigkeit.
gefunden bei Jesus
überbrückt die Kluft zwischen Gott und Mensch.
Wenn es irgend etwas gibt, das diesen Abstand überbrückt,
dann ist es diese Herzensregung,
die wir bei Jesus gesehen haben, als er weint über sein Volk,
in seinem Gebet am Kreuz für die Peiniger,
und in seinem Mut, noch einmal ins Leben zurückzukehren
um der Schwestern und Brüder willen.

Die falschen Propheten beriefen sich zu allen Zeiten auf dasselbe Gotteswort.
Sie waren vorbildlich in ihrer Demut,
Wegweiser im Glauben, für den auch sie so vieles geopfert haben.
Sie waren belesen und schauten weit über den tagesaktuellen Horizont.
Aber sie stellten die Rechtsordnung über das Wohlergehen derMenschen.
Ausdrücklich kritisiert sie ein Jesuswort:
Ihr ladet den Menschen neue Lasten auf.
Euer Glaube führt nicht in die Freiheit.
Ihr seid unbarmherzig.
Rechthaberei ist euer Metier.

Und nun zu den Konsequenzen:

  1. Racherufe gegen barmherzige Sachbearbeiter in der Flüchtlingshilfe

haben wir dieser Tage im Internet viele gelesen.
Vor allem aus Bayern kommen Impulse;
der Beifall aus der gesamte Republik.

Es ist ein Skandal, wie der Innenminister eine Sachbearbeiterin kriminalisiert,
nur um auf dem rechten Flügel Stimmen zu fangen.
Jede Vernunft im Umgang mit Ermessensspielräumen wird da aufgegeben.
Menschlichkeit wird geopfert dem Floriansprinzip:
„Unser Haus brennt doch gar nicht; was müssen wir da bei anderen helfen?!“

Gott sei Dank ging gleichzeitig zum radikalen Erlass des Bundesinnenministers
durch die Öffentlichkeit die Nachricht, dass bereits jeder vierte anerkannte Flüchtling
eine Ausbildung abgeschlossen oder einen Ausbildungsplatz gefunden hat.

Diese Menschen sind eine Bereicherung für unser Land!
Auch wenn sie nicht auf legalem Weg angeworben wurden;
sie tragen zum Wohlstand bei, und sie haben Lust zu bleiben.

Wer sich abschottet, spielt mit dem Feuer.
An der Grenze zu Europa warten hunderttausende,
die aus einem nicht mehr bewohnbaren Land fliehen müssen.
Die Menschenopfer, die dort gebracht werden, schlagen eines Tages auf uns zurück.

  1. Zurückhaltung bei religiösen Aussagen ist hilfreich

Wem sollen wir glauben?
Wer ist wahrer, wer ein Lügenprophet?
Die Frage im Nachhinein zu beantworten, ist immer leicht.
Im Voraus ist es immer schwerer, Bescheid zu wissen.

Deshalb sind die Worte des Propheten ein wenig verklausuliert.
Wir sind und bleiben ratlos, wenn wir lesen

„Wer hat in GOTTes Rat gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte?
„Wer hat sein Wort vernommen und gehört? …
„Hätten sie in meinem Rat gestanden, so hätten sie
„meine Worte meinem Volk gepredigt…
„Bin ich nur ein Gott, der nahe ist,
„und nicht auch ein Gott, der ferne ist?…“

Eines bleibt, und darin deckt sich das Gotteswort mit unserer Welt:
Die falschen Propheten besänftigen.
Sie versprechen Rezepte,
schnelle Lösungen,
anstatt die Schwierigkeiten zu benennen.
Vielleicht liegt darin auch die Krux unserer Zeit:
Wenn du keine schnellen Lösungen bietest, wirst du abgewählt.
Also unterliegst du einem Erfolgszwang, der dich zwingt
zur Anpassung an den menschlichen Egoismus.

Da ist es manchmal klüger, zu sagen:
„Eine Lösung haben wir nicht.
Aber Kurzschlüsse sind auch nicht richtig,
vor allem wenn sie auf Kosten der Menschlichkeit gehen.“

3. Selbständig denken erfordert großen Mut.

Der Predigttext zum Sonntag nach Trinitatis macht uns Mut,
auf gute Lösungen zu warten und Patentrezepte hinten an zu stellen.

Es gibt kein Maß für recht und billig.
Aber es gibt einen Horizont für unser Handeln und Tun.
Den setzt der barmherzige Gott
und dieser Rahmen trägt
seinen Namen:
Amen.