Predigt

Predigt zum Sonntag Estomihi 2019

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lukas 10, 38-42)

Als ich meine ersten Predigten halten durfte,
gab es in der Gemeinde einen Kirchenältesten.
Er war jeden Sonntag in der Kirche.
Er saß am Mittelgang, fast ganz vorne.
Und er schaute mit einem offenen, wachen Blick.
Hoch konzentriert hörte er zu. Irgendwann hab
ich ihn darauf angesprochen. Und ihm gedankt.
Weil es mir sein Zuhören einfach gut getan hat.
Eine männliche Maria war er für mich.

Übrigens auch einer der angepackt hat:
Konfirmandenfreizeit war undenkbar ohne ihn;
Seine Kochkunst war legendär.
Aber Sonntags
in der Kirche
da saß er still
und hörte hin.

I

Martha und Maria gehören in ein und dasselbe Haus.
Sie sind Geschwister, wie man besser Geschwister nicht sein könnte.
Lebenslang gehören sie zusammen. Untrennbar.
Und doch fragt die eine und die andere
immer wieder mal kritisch: wie es geht und was die andre tut.
Zwei ziemlich verschiedene Charaktere,
aber sie sind sich nicht gleichgültig!

Maria steht für die bewusste Entscheidung,
Martha eher für Intuition. Beides gehört zusammen.
Auch ein gebildeter Mensch handelt intuitiv.
Jeder Mensch braucht eine gesunde Routine.
Was du als Kind einmal mühsam gelernt hast, geht ins Unbewusste ein.
Wir schauen meist nur zu, wenn Kinder laufen lernen – oder Fahrrad fahren.
Kaum eins erinnert sich an die hohe Konzentration,
die innere Anspannung, die Aufmerksamkeit:
Heute ist das alles Routine.

Gut ist es, die Routine ab und an zu überprüfen.
Ich vermute, die Marthas sind Naturtalente.
Maria zu werden hingegen, das braucht Übung.
Das fällt keinem so leicht in den Schoß.

Es geht um Aufmerksamkeit in dieser Geschichte:
Maria ist eine, die hat gelernt, die Routine zu unterbrechen.
Sie kann einfach sitzen;
im besten Wortsinn:
sitzen.

II

Kannst du sitzen ohne einzuschlafen?
Bist du in der Lage, deinen Geist derart zu schulen, dass du aufnimmst,
immer nur aufnimmst, in deinem Herzen bewegst, was um dich geschieht?

Es gibt das Phänomen der schweigenden Intelligenz.
Als Lehrer hast du es nicht leicht mit solchen Menschen.
Du kannst nicht leicht erkennen – zumindest nicht auf den ersten Blick nicht.
Du meinst vielleicht, sie wären Träumer,
und tatsächlich sind sie leicht zu verwechseln mit
denen, die spazieren gehen in ihrer Phantasie.
Und dann fragst du direkt,
und du staunst; weil dieses Kind,
sofort bei der Sache ist,
kaum angesprochen –
durchaus eine Antwort weiß.

Ich glaube, dass Jesus genau da hinein schaut.
Er „ergründet die Herzen“. Und das find ich so großartig an ihm.
Maria kommt zur Geltung, aber wenn du ein wenig nachdenkst,
wird auch Martha wieder wichtig:
„Maria hat das gute Teil erwählt“.
Aber die Martha kritisiert er nicht wirklich,
er rückt sie höchstens ein wenig zurecht.
Genau genommen redet er ihr sogar zu.
Überhaupt nicht abwertend muss es klingen,
dieses „du hast viel Arbeit und Mühe.“
Auch da schwingt Anerkennung mit.

III

Martha du tust, was man von dir erwartet.
Du fällst nicht so leicht aus der Rolle.
Martha, Martha – Maria:
Maria aber auch nicht. Selbst als Martha laut wird
sagt Maria überhaupt nichts.
Kein Wort spricht die Hauptperson in unserer Geschichte.
Ihre Rolle ist: Aufmerksamkeit. Damit weckt sie Anstoß.
Jesus nimmt den Ball auf,
und gibt ihm die überraschende Wendung.

Das ist sein Beruf: Der Heiland verblüfft.
„Du hast Spielräume“, sagt er zu ihr.
„Bleib nicht in deinen engen Grenzen!
Du kannst aus der Rolle fallen, ohne ausfällig zu werden.
Tu, was im Augenblick richtig ist.
Verteidige dich nicht, Maria.
Du hast das Gespür, das Taktgefühl:
Was für dich im Moment richtig ist, das tue ganz!

IV

In der Bildungsarbeit kennen wir beide:
Die Redner, die durch ihre eigenen Beiträge lernen,
und die Schweiger, die still arbeiten, aber hoch effektiv.

Jesus lässt beide zu Wort kommen; im Unterricht würden wir sagen:
Die eine meldet sich; und sie kommt dran.
Aber das Stille schätzt er mindestens genauso,
und er erkennt es.
Das ist Jesus!
Er schätzt dich richtig.
Wie du geworden bist, so bist du ihm – recht und wichtig.

Nur die falschen Vorwürfe, die rückt er zurecht.
Was Jesus gar nicht mag: Wenn du meinst,
die andre müsste so sein wie du.
„Messt euch nicht gegenseitig!“ so würde ich seine Worte umschreiben.
„Lass doch einfach das Vergleichen sein! Martha,
du bist recht. Maria ist richtig.
Ihr nehmt einander nichts!“

V

Ich find es mehr als ansprechend, dass hier von zwei Frauen erzählt wird.
Da wird deutlich: Es könnte genauso gut zwei Männer sein.
Der Fischer Andreas und Petrus der Draufgänger;
oder Paulus der Bauchtheologe und Johannes der an Jesu Brust liegt.
Unser Predigttext unterscheidet nicht zwischen männlichen und weiblichen Tugenden;
er unterscheidet zwei Lebensformen, zwei geistliche Existenzen,
die nebeneinander gleich berechtigt sind
und doch miteinander konkurrieren.
Vita activa und vita comtemplativa, so wurden sie einst genannt.
Der Weg der Stille und des Gebets; und die tätige Nächstenliebe.
Man könnte auch sagen: Predigt und Diakonie.

Der Reformator, Martin Luther betonte das aktive Tun,
weil ihm aus seiner Lebenserfahrung das Mönchsleben suspekt erschien;
heute gibt es wieder evangelische Klöster,
weil über der protestantische Arbeitsethik
vielen der Glaube verloren ging,
der Lebenssinn.

Bei uns in Mosbach kennt man Johannes Eckert, den Abt von Andechs,
der als gebürtiger Sohn der Stadt gern zu Vorträgen eingeladen wird:
Andechser Bier: Das Kloster ist ein Unternehmen.
Und der Abt, als Unternehmensberater,
findet den Rat für ein gutes Management
in der Regel des Heiligen Benedict.

Aus dem Gebet heraus Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden,
und sich üben in erfolgreichem Tun. Ich zitiere:

„Es ist gar nicht so einfach, beispielsweise auf einem Seil oder Baumstamm
die Balance zu halten. Einerseits ist es wichtig, sich aus der inneren Mitte,
dem Körperschwerpunkt heraus zu bewegen.
Um nicht abzustürzen, gilt es andererseits,
mithilfe ausgebreiteter Arme die Balance zu halten.“
(Die Kunst, sich richtig wichtig zu nehmen. Führungskompetenz aus dem Kloster, S.63)

Für Martha bedeutet das: Du darfst gern
dein Werk in der Küche tun, aber dass es
dem Gast schlussendlich schmeckt,
liegt nicht an dir. Und:

Schau mal nach Maria.
Vielleicht hilft sie auch dir,
ein klein wenig ruhiger zu werden, bewusster zu leben.
Nachher packst du sie auch wieder am Arm.

Ich glaub,
beim Abwasch am Ende haben alle mit geholfen.
Und übrigens: Auch Jesus hatte eine Schürze! Amen.