Predigten

Karfreitagspredigt 2018:

Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten. (Hebräer 9, 15.26b-28)

Lasst uns die Geschichte nacherzählen,
Schwestern, Brüder!

Wenn man sie schon nicht versteht.
Wollen wir wenigstens nachempfinden, wie es jenen ging,
die Augenzeugen waren und Weggefährten.
Vielleicht kommen wir dann auf ähnliche
Wendungen des Geistes wie der
Schreiber des Hebräerbriefs?

Der Weltuntergang
stand für ihn unmittelbar bevor.
Das Ende der Zeit ist nahe, bereits seit zweitausend Jahren.
Das können wir kaum nachempfinden: trotz Glyphosat und Syienkrieg.
Bevor wir vom Weltuntergang reden, da müsste schon noch etwas kommen.
Zu viel sind wir inzwischen gewöhnt:
Vielleicht war Tschernobyl ein Vorgeschmack,
oder der Tsunami,
die Kernschmelze in Japan.
Selbst die Atomare Bedrohung Nordkoreas scheint in Diplomatie aufzugehen.
Lediglich für die Menschen im Jemen, die einst
der Bundesrepublik Deutschland beistehen wollten, weil sie selbst
eben solch ein politisches Wunder erlebt hatten, eine Wiedervereinigung:
Die Kinder im Jemen, die scheinen momentan so einen Karfreitag zu erleben. Allerdings kein Weltuntergang für die Menschheit,
sondern nur für sie – der Gedanke erstickt uns die Stimme.

II

Dass Karfreitag weltbewegend gewesen ist,
finden wir in der Erzählung vom Erdbeben und der Sonnenfinsternis.
Da wurden Menschen in der Grundfeste ihres Daseins erschüttert.
Kein außerbiblischer Zeuge hat davon berichtet,
aber für die Jünger war dies der Schwarze Tag,
war es die Stunde Null.

Als Kind hatte ich ein Buch vom Zweiten Weltkrieg
groß und dick, bebildert und kartographiert:
Da waren Bilder vom Winterkrieg und vom Luftkrieg,
Trümmerfrauen waren abgebildet, Flugzeugbilder
aus amerikanischen Bombern fotografiert.
An die Reste der Dresdner Frauenkirche kann ich mich erinnern.
Ob auch Bilder aus Coventry dabei waren?
Ich kann mich nicht mehr erinnern.
In den Erzählungen der Kindheit dominierte die Zerstörung durch die Alliierten,
und die Theorie einer Strafe Gottes für die Menschen, die Adolf Hitler nachliefen.
Erst später erfuhr ich von „verbrannte Erde“ und den Bomben auf Hiroshima.
Den Müttern und den Großeltern
waren die eigenen, schrecklichen Erinnerungen
tief in der Seele eingegraben. Der Großvater väterlicherseits
idealisierte seine Erfahrungen aus dem Partisanenkrieg,
und der andere Opa verbarg die Soldatengeschichten
tief in seiner Seele – er schwieg.
Was wir als Kinder erfuhren,
war das Leid der Tanten
und der Mütter.
Das war schlimm genug.

Und dann kam diese eine Seite,
die ich immer wieder aufschlage musste als Kind
in dem Bildband vom Zweiten Weltkrieg.
Auf einer vollkommen schwarzem Seite war überhaupt kein Bild.
Und auf der nächsten Seite stand „Die Stunde Null“.

Der Karfreitag ist für mich die Stunde Null der Christentumsgeschichte?
Dem Schreiber des Hebräerbriefs allerdings war das zu wenig.
Er will begreifen, verstehen, tiefer eindringen.
Es muss doch einen Sinn haben.
Weil die Geschichte weitergegangen ist.
Gott ist tot; und ich bin – unbegreiflich ! – ich bin am Leben!
Irrsinnig.
Da muss ein Gedanke gewesen sein,
ein Schöpferwort, ein Sinn.
Er findet ihn
im Tempel,
wo zur Todesstunde Jesu geschlachtet worden ist:
Das Opferlamm für die Sünde: Das ist es.
Jesus ist unser Opferlamm.
Jesus hat die Ordnung von Gut und Böse,
Jesus hat die Weltgeschichte aus den Angeln gehoben.
Deshalb das Erdbeben.
Deshalb die Sonnenfinsternis.
Weil da alles, aber auch alles
Kopf steht, irrsinnig wird.

III

Es wurde aufgehoben, so heißt es in unserem Evangelium.
Als wäre Himmelfahrt schon am Karfreitag.
Jesus wird am Kreuz erhöht,
und uns wird der Ballast leichter:
die Sünde lernt fliegen; sie drückt nicht mehr.

Obwohl wir im Niedergang begriffen waren,
bleiben wir für Gott wertvoll, werden
von der Sünde befreit,
nicht durch Lachen,
nicht Heiterkeit,
ein wahres Schwergewicht,
ein Gegengewicht wird dagegen gewogen,
hebt die Last auf, Gott selbst trägt mit.
Gottvergessenheit ist ebenso unsinnig wie unwichtig.
Sünde wird bewusst, die Last wird dir bewusst,
du wirst inne: sie ist unendlich,
und zugleich, während sie wahr wird
wandelt sie sich. Wird vergebbar-vergeblich.

Nichts ist so wertvoll wie ein Menschenleben.
Nichts darf das Leben vernichten.
Auch Gott nicht, er höbe denn sich selbst auf.
Auch Gott wird sich inne in sich:
Ich will das nicht.
Ich will Leben.

So spricht erneut der Allmächtige Gott,
der dich einst ins Leben rief:
Mensch lebe! Wachse!
In der Sünde und aus der Sünde heraus.
Da ist ein zweites Leben, ein Friedhofslicht:
Es leuchtet und verlöscht nicht.
Das Kind das zur Weihnacht erschienen ist
stirbt als Mann und erscheint erneut
auf halbem Weg nach Bethlehem.

Was wie ein Urteil erscheint, birgt Erneuerung in sich.
Nach menschlichem Ermessen ist er tot.
Aber Gott hat mehr Gewicht.
Das Grab hält ihn nicht.

IV

Das Bild vom Loskauf taucht hier auf.
Kannst du ein Menschenleben bezahlen?
Zur Zeit Jesus allgemein verständlich,
bis vor 200 Jahren in England und Frankreich legitim
wurde die Sklaverei in Europa erst 1956 endgültig geächtet.
Aus der Sahara kommen neue Berichte von Flüchtlingen,
die wie Sklaven behandelt werden.
Der Vergleich spricht noch immer.
Gott will das nicht.
Gott setzt frei. Gott rettet.
Auch von Spielsucht, Computerzwängen,
vom Zornausbruch. Von der Sklaverei des Unrechts.
Wo das noch ist, wird er noch einmal erscheinen, so sagt der Hebräerbrief:
Dann aber wird endgültig öffentlich, wozu wir geschaffen sind:
Nicht zur Abhängigkeit, nicht zum Tod,
nicht zur Feier eines wie auch immer gearteten Karfreitags
auch nicht im Gedenken unserer Sünden.
Wenn Christus wieder kommt,
dann kommt er zur Rettung.

Manche sagen ja, er ist schon wiedergekommen.
Und da ist durchaus etwas dran: Dass schon
die Auferstehung diese zweite Wiederkunft ist.
Es bleibt in seltsamer Doppeldeutigkeit, auch in der Bibel.
Nicht dass ihr meint, in dieser armen Welt muss alles elend bleiben.
Nicht dass ihr die Erlösung erst in Gottes Himmelreich seht,
nach dem Tod, wen auch wir auferstanden sind.
Nein, Erlösung ist jetzt,
denn Jesus ist wieder gekommen.
Die Hölle hielt ihn nicht fest.
Obwohl für uns noch immer Hölle ist
in mancher Hinsicht: es steht noch aus.
Und doch handeln wir als Erlöste.
Sonst wäre Christus umsonst gestorben.

Du weißt um deine Sünde.
Du klagst unter einer unerlösten Welt.
Du spürst die Schmerzen in deinem Leib
– und sie werden mit dem Alter nicht weniger. Und doch
lebst du schon jetzt in einem neuen Leben.

Erwartung prägt dein Leben,
auch wenn die Zeichen auf
Vergänglichkeit stehen.

Mit dem Karfreitag sehen wir Gott an unserer Seite stehen.
Er hat begonnen,
den Schweiß und das Blut zu trocknen,
das Stöhnen zu ertragen: Es wird sich
in Osterjubel verwandeln,
wenn auch jetzt noch nicht:
Am Ende ist Hilfe.
Im Ende ist Licht.
Er stirbt und ruft:
„Es ist vollbracht!“ Amen.