Predigt

Cantate-Predigt zu Apostelgeschichte 16,23- 34

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.

Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Paulus war unermüdlich. Unterwegs – zunächst in Kleinasien – der heutigen Türkei – , dann aber auch in Europa. Philippi war die erste europäische Stadt, in der es eine Christen-Gemeinde gab, von Paulus auf der zweiten Missionsreise gegründet.

Es war den er­sten europäischen Christen wichtig, wer als erste zum christlichen Glauben be­kehrt worden waren – vielleicht waren sie auch etwas stolz auf zwei Menschen, die in der Stadt eine besondere gesellschaftliche Stellung einnahmen: Das war die reiche Geschäftsfrau Lydia und der Leiter des örtlichen Gefängnisses in Phi­lippi, dessen Name allerdings nicht überliefert worden ist.

Beide „wurden bekehrt“ – wie wir das heute nennen. Das ge­schah auf ganz verschiedene Weise. Bei Lydia wirkten die Worte des Paulus, der am Sabbat am Fluß Gangites außerhalb der Stadt die Frauen traf. Hatten die Juden in der Dia­spora keine Synagoge, dann trafen sie sich, wo es Wasser für die rituellen Reinigungen gab. Lydia wird als gottesfürchtig bezeichnet. Sie kam aus Kleinasien, also der heutigen Türkei, und hatte schon Kontakt mit dem Judentum. „Got­tes­fürchtige“ gingen zum Syn­agogengottesdienst und hielten teilweise das Mose-Gesetz ein.

Bei dem Gefängnis-Chef war die Bekehrung etwas dramatischer. Paulus und sein Missions-Kollege Silas waren ins Gefängnis gekommen. Das „innerste Gefängnis“ war wahrscheinlich ein unterirdisches Loch. Außer­dem kamen sie in einen Block – ihre Lage war also alles andere als rosig.

Trotzdem gaben sie die Hoffnung nicht auf. Und hier kommt „Kantate“ ins Spiel. Sie singen ausgerechnet um Mitternacht laut und loben Gott. In einem Gefängnis der damaligen Zeit, mit unserem heutigen Straf­vollzug sicher nicht zu vergleichen, wurde geweint und gezittert. Kein Wunder, dass ein Wunder geschieht: Da steht selbst die Erde Kopf. Die Apo­stel­geschichte berichtet von einem Erdbeben, das sich während der Nacht ereignete. Die Türen sprangen auf, die Fesseln fielen aus den Mauern – und als der Ge­fängnis-Chef wach wurde, er hat­te also auch ein Nickerchen gemacht, be­fürch­tete er, daß die Gefangenen inzwischen geflohen waren. Das wäre sein be­ruf­li­ches Ende gewesen – und er dachte an Selbstmord.

Mit einer Lampe in der Hand traf er Paulus und Silas, die keine Anstalten machten, das unfreundliche Gefängnis zu ver­lassen. Das muß für den Aufseher der nächste Schock gewesen sein: Zuerst das Singen von religiösen Liedern zur Mitternacht, dann das Bleiben im Gefängnis, obwohl das Erdbeben die Flucht er­möglicht hätte. Der Aufseher fragte Paulus und Silas nach der Möglichkeit einer persönlichen Rettung.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich bei den Ge­meinde­treffen damals das immer wieder erzählt hat. Bei anderen wird es nicht so spektakulär zugegangen sein: Aber bei Lydia und dem unbekannten Gefängnisaufseher liefen dann zwei Dinge ähn­lich ab: Die Zugehörigkeit zur Gemeinde wurde dokumentiert durch die Taufe. Und getauft wurden beide nicht nur als Ein­zelpersonen. Vielmehr wurde ihre ganze Familie getauft, nachdem sie das „Wort des Herrn“, wie es in der Apostelgeschichte heißt, gehört und angenommen hatten. Die ersten Gemeinden entwickel­ten sich offensichtlich von den Familien aus. Paulus und Silas sagten dem Gefängnis-Beamten: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig werden!“

Uns wird in diesem Predigttext eine Rich­tung angedeutet, wie aus Annahme des christlichen Glau­bens eine Gemeinschaft, eine Gemeinde von Glaubenden entsteht. Bei beiden beginnt nach dem Bericht der Apostelgeschichte der ge­meinsame Glaubensweg damit, daß die häusliche, familiäre Haus­gemeinschaft dazugehört. Lydia drängt Paulus und Silas, daß sie zu ihr in ihr Haus kommen. Der Gefäng­nis-Aufseher deckt sogar höchst persönlich den Tisch und freut sich über den Besuch der beiden, die ihn zum christlichen Glauben ge­bracht hatten.

Und nicht zuletzt: Der Lobpreis Gottes gehört dazu: Paulus und Silas taten es im Gefängnis – es war nicht das Klagelied über die schlimme Situation, son­dern das Rufen zu einem Gott, der aus jeder Notlage retten kann. Von einem in­dischen Christen habe ich ein Wort gelesen, das ich Ihnen mit auf den Weg durch diesen heutigen Sonntag „Kantate“ geben will: „Der Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“ Er bleibt nicht alleine. Andere werden kommen, um mit ihm gemeinsam zu singen. So entsteht immer wieder Kirche. Amen.

Osterpredigt 2019

Johannes 20, 11-18

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

563 „Nun werden die Engel im Himmel singen“

„Mir ist, als hörte ich die Englein singen“,
so sagt man, wenn man eins auf den Kopf gekriegt hat.
Irgendwie ist das ja schon so mit Ostern: Absolut unwirklich,
ein Erlebnis zwischen Schock und Staunen.
Ein Wunder.

„Sie meint, es wäre der Gärtner.“
Eigentlich hat Maria ja Recht.
Jesus ist ein Gärtner.
Er kümmert sich um die zarten Glaubenspflänzchen.
Und er geht ganz in seinem Garten auf.
Der Große Gärtner hate keinen Acht Stunden-Tag;
auch nach Feierabend hat er für dich Zeit.

Ein bisschen unnahbar bleibt er vielleicht.
Aber nur, solange er auf Erden weilt.
Wenn er erstmal im Himmel ist, darf jeder zu ihm.
Nur anfassen kannst du ihn dann nicht mehr,
aber im Herzen, da kannst du es spüren.
Und so mancher ist schon auf die Knie gesunken 
und hat – wie Maria – gebetet: „Mein Herr und mein Gott!“

Glaubenserkenntnis, wenn sie echt ist,
dann überwältigt sie dich.
Manche erleben das zwei-, dreimal in ihrem Leben.
Andere erzählen, dass sie jeden Morgen bei ihrer Stillen Zeit auf die Knie gehen.
Eine Regel gibt es nicht. Kein Wunder: Sonst wäre es ja viel zu gewöhnlich.
In Jesus den Gärtner erkennen 
und im Gärtner Jesus,
das ist ein Geschenk,
das überkommt dich.

II

Jetzt ist Jesus also unser Gärtner.
Weil er den Gemeindegarten kennt.
Und den Kirchengarten.
Und den Garten der Ökumene 
von Genf bis Konstantinopel,
von Korea bis Honolulu.

Er kennt jedes Pflänzchen.
Und er will, dass alle leben.
„Auch das Unkraut?“ fragen manche:
Ja auch das Unkraut. Vielleicht ein wenig pikiert.
Ihr wisst vielleicht, pikiert hat eine zweie Bedeutung, welche die Gärtner kennen:
Wenn wir den Paprika gesät haben und die Pflänzchen auf dem Küchenfenster aufgegangen sind,
dann wurden sie pikiert: In den Garten hinaus gesetzt.
Dort wo sie hingehören.

Das ist das Schöne am Evangelium: Es gilt für jeden. 
Auch für Leute, die nicht so in die Kirche gehen.
Ein paar müssen sich vielleicht erst noch 
neue Kleider kaufen; obwohl
Gott beurteilt dich nicht
nach deinem Äußeren.
Nicht nur – zumindest.
Wenn du natürlich extra und absichtlich zerlumpt daher kommst,
kann man schonmal fragen: Würdest du auch so zum Bewerbungsgespräch gehen?

Und wenn jemand ausdrücklich 
antichristliche Symbole auf seinen Kleidern trägt, 
darfst du ihn schon mal fragen: „Warum machst du das eigentlich.
Und du darfst auch erwarten, dass er das ändert.
Aber grundsätzlich gilt das Evangelium für jeden. 
Im Ostergarten Jesu haben Alle Platz. 

Für uns ist das schon so, als würden wir vor den Kopf gestoßen.
Kirche, das ist nicht nur unsere Gemeinde;
Kirche, das sind auch die anderen.

Verrückt fand ich, als Bilder von angeblichen Muslimen in einer Kirche gezeigt wurden,
und es stellte sich heraus: die sehen aus wie Muslime,
die sind gekleidet wie Muslime, die beten wie Muslime,
aber es sind keine Muslime, es sind armenische Christen.

Manchmal trägt Jesus einfach andere Kleider.
Und er sieht überhaupt nicht wie „unser“ Jesus aus.
Es ist wichtig, dass wir ihm unsre Fragen stellen,
die passende Antwort gibt er dann schon selbst.

Der Garten von Jesus, das ist die ganze Welt.
Darum ist er auferstanden, damit er nicht im Garten Gethsemane bleibt:
Nach Ostern breitet sich das Evangelium weltweit aus. Amen.

Karfreitagspredigt 2019:

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied. Johannes 19, 16- 30

„Was ich geschrieben habe, hab ich geschrieben.“
Er hat eine Ahnung,
liebe Schwestern und Brüder.
Pilatus ist ahnungsvoll, fast schon ein Prophet.
Er sagt die Wahrheit
trotz seines unmoralischen Lebenswandels.
Obwohl er von der geballten Macht der Religionsführer eingeschüchtert wird:
Er behält sich das Recht, ihnen eins auszuwischen,
hält ihnen unabsichtlich den Spiegel vor
und entlarvt sie: Ihr habt
euren eigenen Hoffnungsträger ans Messer geliefert,
ihr habt euch selbst verraten – in doppelter Hinsicht.

Zum einen ist es euer eigener Schaden,
dass einer aus eurem Volk ans Kreuz gehängt wird,
zudem auch noch einer, der vollkommen unschuldig ist,
ein Zweckopfer sozusagen, das ihr bringt, um den Frieden im Dorf zu wahren,
den Frieden in der Gesellschaft, den ihr doch gar nicht wahren könnt.

Zum andern ist es euch zum Verhängnis,
dass ihr euch mit den Mächtigen verbündet.
Um eines faulen Friedens willen geht ihr ein Bündnis ein,
werdet zu Kollaborateuren, macht gemeinsame Sache
mit denen die eigentlich Feinde sind.
Aus Angst vor ihnen, oder aus taktischem Kalkül
bezeichnet ihr ihn als Aufrührer, als Partisan.
Oder ihr stellt es wenigstens so hin,
übernehmt damit den Jargon der Schergen, um sie so
vermeintlich vor euren eigenen Karren zu spannen.

In Wahrheit passt er euch im Moment
gerade mal eben nicht ins Konzept, der Heiland, der Messias.
Er macht euch das Leben kompliziert, Euch, die ihr
die Fäden in den Händen wollt behalten, Regie führen,
an Gottes Stelle die Weltgeschichte lenken.
Nehmt ihr das Szepter selbst in die Hand nimmt.
Weh dem, der Gott spielt!

II

Ganz anders Jesus.
Überhaupt nichts von Intrige,
kein Wort über seinen Widersacher.
Erst recht nicht über die römischen Soldaten:
Im Gegenteil, er weiß, dass sie nur Handlanger sind,
verantwortlich zwar ebenfalls, für ihr Tun.
Aber doch nicht in letzter Instanz.

Jesus ahnt, dass über allem ein größerer Wille steht.
Drum tut er das einzig sinnvolle hier:
Er teilt seinen letzten Willen:
Fürsorglich wendet er Marias Blick zu Johannes hin,
und dem Johannes vertraut er die eigene, hochbetagte Mutter an,
die lebenslang ebensolche Ahnungen gehabt,
aber nie genau gewusst hatte,
was die Worte des Weihnachtsengels je bedeuten würden:
„Es wird ein Schwert durch deine Seele fahren.“

Jesus sieht den Schmerz der Mutter.
Er kann ihn nicht aufheben,
hat selbst solchen Schmerz zu tragen,
aber im Sterben kann er ihn noch lindern,
das Leiden in der Mutter Gesicht,
indem er ihr den Lieblingsjünger als Erben zuspricht
und als Stütze im Alter.
Das ist sein letzter Wille, sein
Testament für die eigene Familie,
und in dieses Testament eingewoben
das Neue Testament,
das was wichtig ist – „im Leben und im Sterben“:

Da,
das ist von jetzt an
dein Sohn – du, Johannes,
nimm Maria an wie deine eigene Mutter.

Wir haben die Bilder der Maler vor Augen,
die den holden Lieblingsjünger an die Seite Marias stellen,
seine Arme umfassen die Fassungslose,
stützen sie in ihrem Leid
und führen sie über Ostern hinaus,
über Himmelfahrt hinaus und über die
Geistesgegenwart von Pfingsten.
Der Verewigte bleibt nicht einfach weit weg im Himmel.
Mit seinem letzten Willen ordnet er
das Leben der Irdischen mit.

III

Und das ist sein Testament, auch für uns.
Deshalb feiern wir Karfreitag, deshalb Abendmahl:
Weil in all der Sinnlosigkeit, dieses Sterbens ein neues Licht aufscheint.

Pure Ratlosigkeit spricht aus ihnen.
Die klassischen Oratorien zur Passionsgeschichte,
von Händel, Bach und Penderecki
wiederholen gebetsmühlenartig immer wieder
die Worte des Evangeliums im Rezitativ.
Am liebsten wollten wir aussteigen aus der Musik.
Wären wir ehrlich, wir würden uns eingestehen:
Es ist unerträglich.
Der Heiland stirbt – und ich?!

Schon die Evangelisten suchten nach Antworten.
Schon die Jünger liefen blind – zum Grab, an Ostern,
zum Kreuz und zurück,
schwankten
zwischen Ahnung und nicht-Wissen-Wollen.
Selbst nachdem er ihnen erschienen ist,
begleitet sie der Zweifel bis nach Emmaus,
ja, sie haben sich noch sieben Wochen später eingeschlossen vor Furcht.
Verzagt waren sie. Ängstlich, weit über Ostern hinaus.
Die Angst kocht immer wieder hoch,
sogar nach Pfingsten. Eine irdische Lösung,
eine nachhaltige Antwort gibt es nicht.

Bis heute.
„So sind die Christen“, spotteten die Nazis:
„Wehmut, Demut, runter in die Knie“.
Die Propagandisten vom Schlage Ludendorf,
deren Symbole heute wieder offen gezeigt werden – selbst bei uns im Dorf
tauchen sie heute wieder auf, oder werden wenigstens angedeutet:
Die Teufelsfratze,
Dämonengesicht.

Sie spotten und verdrehen den Glaubenssinn.
Sie schütteln den Kopf,
finden es unerträglich.
Und es ist unerträglich. Das bleibt in unsern Köpfen,
den ganzen Karfreitag über, den Samstag,
bis am Sonntagmorgen
das Osterlicht anbricht.
Wir verstehen es nicht.

IV

Der Historiker Johannes Fried bezweifelt, dass Jesus wirklich gestorben ist.
In seinem Buch „Kein Tod auf Golgatha“ beschreibt er mit medizinischen Argumenten,
dass er eben nicht tot war. Fadenscheinige Argumente,
mit denen er die Zeugnisse der Heiligen Schrift
ordentlich zurechtbiegt indem er sie
einer modernen Plausibilität unterwirft.
Ausdruck des tiefen Unverständnisses,
selbst bei einem treuen Kirchgänger wie Johannes Fried.
Er steht in einer Linie mit den indischen Muslimen der Ahmadiyya,
für die Jesus ausgewandert ist und in Kaschmir seinen Lebensabend verbringt.
Er steht damit in einer Linie mit Theologen der Neuzeit
und mit Johann Wolfgang von Goethe.

Es ist für den modernen Menschen unerträglich.
Der Tod am Kreuz ist unerträglich.
Und wenn wir an Ostern die Auferstehung feiern,
dann ist es erst recht unerträglich – dieser Gedanke,
dass ein Mensch wahrhaft und wirklich tot gewesen ist, und zurück kehrt ins Leben,
durch geschlossene Türen geht, aber mit Händen zu greifen ist, von Fleisch und Blut.
Es ist und bleibt unerträglich.

Drum ist die Karfreitags-Klage so fassungslos. Und wenn wir ehrlich sind,
begleitet uns der Zweifel an der Auferstehung an jedem Tag,
da wir unsre Lieben auf dem Friedhof besuchen.
Die Karfreitagsklage verklingt mit Ostern nicht.
Die Kruzifixe begleiten uns zeitlebens,
durch unsren eigenen Tod hindurch.

Diese Ratlosigkeit auszuhalten, ist unsre Pflicht.
Die Härte des Todes verschwindet mit dem Glauben nicht.
Jesus verzweifelt selbst, und bleibt doch im Erlöschen
standhaft und fürsorglich. Verzweifelt an im Leben,
doch am Sinn seines Lebens zweifelt er nicht.

Psalm 16,10: Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen
und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe.
Der einzige Ausweg liegt in dem Wort des Glaubens.
In dem geschichtlich nicht ausweisbaren Bericht,
der nur im Evangelium überliefert ist,
dass Jesus ganz tot gewesen ist,
und dass er – paradoxer Weise
lebt.

In unsrem Evangelium klingt das in dem kurzen Satz an,
dem wohl letzten der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz,
dem endlich und endgültig erlösenden,
das jedem über die Lippen kommt,
der Stunden, ja Tage lang
dem Ringen eines Sterbenden zusieht.
Hier spricht es der Sterbende selbst;
Und ich wünsche mir, dass auch ich es einst werde sagen können,
mit einem Blick hindurch durch den Vorhang
hinein in Gottes Welt, die größer ist,
und weiter und schöner als
irdisches Sterben-Erleben.

In der Gewissheit, dass
der letzte Atemzug nicht das Letzte ist,
hören wir die Worte Jesu, der dem Tod in all seiner Sinnlosigkeit
immer noch einen Sinn abringt: „Es ist vollbracht.“

Unwillkürlich fragst du dich, was es denn sei,
das jetzt vollbracht worden ist:
Das ist die seltsam anrührende,
die vollkommen entrückende Antwort,
glaubensmäßig verrückt:
Kein Weiterleben im Jenseits.
Kein Aufwachen im Diesseits.
Sein Vertrauen ruht nicht auf irdischem „Sinn“.

Mit dem Karfreitag enden alle Mythen und Zaubermärchen.
Der Tod ist real und mächtig.
Das sollte bewiesen werden,
nach zu empfinden
nacherlebbar für uns
im Sterben des Allerheiligsten.

Sein Tod ist gerade nicht das Ende aller Hoffnung,
auch wenn es für den Sohn der Maria das Ende ist.
Sein Tod ist Vollkommenheit.
Sie zeigt, dass Gott in der
tiefsten Tiefe
bei uns ist.
Amen.

Gründonnerstag

Predigt zum Gründonnerstag – 1. Korinther 11, 23-26:

Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Liebe Freunde,

Paulus hat ein solches Vertrauensverhältnis zum auferstandenen Jesus, dass er sich nicht scheut, mit seiner Rede Widerspruch auszulösen:

„DU!?“, so würden seine Kritiker sagen,
„Du bist Jesus doch überhaupt nicht begegnet!
Als er gelebt hat, warst du noch ein kleines Kind!
Und seinen Jüngern warst du derart fremd:
Du hast sie sogar als Gottesfeinde verfolgt!“

Paulus bekümmern solche „möglichen“ Vorhaltungen nicht.
Er hatte eine intime Begegnung mit Jesus,
in einer Art Vision,
einer naherlebten Phantasie,
die ihn irgendwann überkommen war,
vielleicht als er vom Pferd fiel – bei Damaskus,
und vom Saulus zum Paulus wurde,
vielleicht auch in der Fastenzeit,
die sich daran anschloss:
Wir wissen nicht, wo und wie er
Jesus selbst begegnet ist – leibhaftig sicher nicht.
Er beschreibt es später selbst einmal wie ein Mystiker seine Gottesbegegnung beschreibt.
„Ich habe es von dem Herrn empfangen“,
aus seinem Mund habe ich es gehört,
Jesus hat es mich selbst gelehrt.

Das könnte möglicherweise auch
bei der Meditation über Passionserzählungen gewesen sein. Das liegt uns näher:
Wir hören oder lesen in der Bibel, und plötzlich ist es, als redete Gott selbst zu mir.

Es ist möglicherweise auch die Erzählung von Petrus gewesen:
Mit Petrus hatte Paulus ja direkten Kontakt,
wenngleich dieser Kontakt eher konfliktreich gewesen ist.
Dann wäre es so, dass Paulus der Meinung ist:
Dieser Apostel,
als Bote Gottes,
er hat es mir zwar erzählt, nachdem er mir die Hand auferlegt und mich gesegnet hat.
Aber es war die ganz eigene Botschaft Jesu an mich.

II

Wie geht es dir, wenn du die Predigt hörst?
Ist es eine persönliche Botschaft an dich?
Oder distanzierst du dich:
„Heute hat er gesagt“ – redest du so, wenn du über den Gottesdienst berichtest?
Oder kennst du auch dieses
„Heute hat Gott zu mir gesprochen“?
Ich habe es von ihm empfangen, von Gott selber,
was für mich, was für uns,
was für unser Leben wichtig geworden ist.
Er hat zu mir gesprochen.

Mit Sicherheit war Paulus an jenem Gründonnerstag nicht dabei, als Jesus den Jüngern die Füße wusch im Obergemach jenes Hauses in Jerusalem, wie es für die großen Wallfahrtsfeste in jedem Haus zur Verfügung stand.

Er hat es tatsächlich nicht selbst erlebt, sondern – wie er schreibt: „empfangen“.
Es muss ihm irgendwie zu einem eigenen Erleben geworden sein,
entweder durch den Bericht anderer Christen,
der so anschaulich war, dass er es selbst erlebt;
oder es war eine Art Vision, eine innere Schau,
seine Gedanken sind zum Erlebnis geworden:
ihm wurde – im Abendmahl – Gott unmittelbar gegenwärtig.

„Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward“
Wir versetzen uns im Hören in die Schar der Jünger hinein,
mir ist, als sei ich dabei gewesen, als Jesus das letzte Abendmahl feierte.

Vergegenwärtigung: Wenn die Geschichte gelesen wird,
geschieht sie geistlich für dich und für mich.
Es ist mir, als sei ich selbst
mit am Tisch gesessen.
„Er nahm das Brot, dankte und brach’s“
Das Brechen des Brotes erinnert an das gebrochene Herz.
Die Gabe an sich wird nicht zerteilt.
Wenn wir das Brot in Stücke teilen,
werden wir paradoxer Weise vereint.
Das Gedächtnis des gebrochenen Leibes
dient der Einheit. In alle Himmelsrichtungen verteilt
ist die Kirche Jesu doch stets eins.
Ja, auch die Vielzahl unterschiedlicher Kirchen
ist geeint durch das, was sie feiern:
Egal ob offiziell gemeinsam
oder eigentlich immer noch getrennt: In Christus sind wir eins.

Christus dankt.
Er dankt für die Vielfalt der Gaben.
Er dankt für die Vielfalt der Menschen.
Auch die Vielfalt der Gemeinden ist kein Hindernis dafür,
dass wir sagen: Wir alle sind ein Leib.

„und sprach: Das ist mein Leib,
der für euch gegeben wird;
das tut zu meinem Gedächtnis.“
Wir hatten vor 500 Jahren eine lustige Diskussion
über dieses „Das ist mein Leib“.
Die einen sagten: Jesus zeigt auf das Brot, wenn er sagt „das ist mein Leib“.
Die andern sagten: Jesus zeigt auf die Gemeinde.
Und wieder andere sagen – bis heute:
Wenn wir so feiern,
dann sind wir der Leib Christi.
Einigkeit im Vollzug.
Gemeinschaft ist ein Geschehen,
sie lässt sich nicht fixieren auf ein Element oder auf ein Ritual.

„Das ist mein Leib“, damit meint Jesus das gesamte Geschehen vom Eingangslied bis hin zum Segen, einschließlich Kelch und Wein, ja er schließt die Einladung mit ein: Schon wenn du liest, dass Abendmahl ist, nimmst du daran teil.

„Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl“
Es gab mehrere Runden beim jüdischen Passahmahl.
Aber am Ende, da hat er es noch einmal besiegelt:
„Trinken wir darauf!“
„Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“
Generationen von Theologen zerreiben sich daran.
Und bis heute ist die Deutung dieses Wortes Trennungsmerkmal zwischen den Kirchen.
Sogar die Evangelischen aus Deutschland und Skandinavien einerseits aus Holland und der Schweiz andrerseits, brauchten bis zum Jahr 1957,
um gemeinsam Abendmahl
feiern zu können:

„Das Abendmahl stellt uns auf den Weg des Kreuzes Christi.
Das Kreuz Christi weist uns in die Wirklichkeit Welt.
Wo wir schwach sind, da ist die Gnade Gottes mächtig.
Wenn wir sterben, leben wir mit ihm.
Noch ist sein Sieg verborgen unter Anfechtung und Leiden.
Darum speist uns der Herr durch sein Mahl, um uns
zu stärken in dem Kampf, in den er die Seinen sendet,
und uns zu wappnen gegen alle Schwärmerei und alle Schlaffheit, damit weder in falschen Träumen das Künftige vorwegnehmen noch verzagt die Hand sinken lassen.“ (Arnoldshainer Thesen 7.1)

„Das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Wir denken nicht nur.
Wir schwelgen nicht in Erinnerungen.
Wir waren ja nicht dabei: Wir lassen es uns gegenwärtig werden, feiern, als wäre Jesus selbst der Gastgeber stünde mit uns am Abendmahlstisch.
So hat er es gewollt: „Denkt an mich
mit Leib und Seele – mit Haut und Haar.“

„Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“
In der zerstörten Kirche von Aleppo
steht ein Priester und hebt die Hände zum Gebet.
Er segnet den Kelch, er segnet das Brot,
er teilt es unter die kleine Schar
palästinensischer Christen,
die in ihrer zerbombten Kirche zusammen gekommen sind.
Das Portal steht weit offen.
Der Segen über Brot und Wein gilt für ganze Stadt,
schließt auch Juden und Moslems mit ein.

Wir feiern das Abendmahl nicht nur zum Selbstzweck.
Wenn wir feiern, wirkt das nach außen. Amen.

Predigt zum Sonntag Estomihi 2019

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lukas 10, 38-42)

Als ich meine ersten Predigten halten durfte,
gab es in der Gemeinde einen Kirchenältesten.
Er war jeden Sonntag in der Kirche.
Er saß am Mittelgang, fast ganz vorne.
Und er schaute mit einem offenen, wachen Blick.
Hoch konzentriert hörte er zu. Irgendwann hab
ich ihn darauf angesprochen. Und ihm gedankt.
Weil es mir sein Zuhören einfach gut getan hat.
Eine männliche Maria war er für mich.

Übrigens auch einer der angepackt hat:
Konfirmandenfreizeit war undenkbar ohne ihn;
Seine Kochkunst war legendär.
Aber Sonntags
in der Kirche
da saß er still
und hörte hin.

I

Martha und Maria gehören in ein und dasselbe Haus.
Sie sind Geschwister, wie man besser Geschwister nicht sein könnte.
Lebenslang gehören sie zusammen. Untrennbar.
Und doch fragt die eine und die andere
immer wieder mal kritisch: wie es geht und was die andre tut.
Zwei ziemlich verschiedene Charaktere,
aber sie sind sich nicht gleichgültig!

Maria steht für die bewusste Entscheidung,
Martha eher für Intuition. Beides gehört zusammen.
Auch ein gebildeter Mensch handelt intuitiv.
Jeder Mensch braucht eine gesunde Routine.
Was du als Kind einmal mühsam gelernt hast, geht ins Unbewusste ein.
Wir schauen meist nur zu, wenn Kinder laufen lernen – oder Fahrrad fahren.
Kaum eins erinnert sich an die hohe Konzentration,
die innere Anspannung, die Aufmerksamkeit:
Heute ist das alles Routine.

Gut ist es, die Routine ab und an zu überprüfen.
Ich vermute, die Marthas sind Naturtalente.
Maria zu werden hingegen, das braucht Übung.
Das fällt keinem so leicht in den Schoß.

Es geht um Aufmerksamkeit in dieser Geschichte:
Maria ist eine, die hat gelernt, die Routine zu unterbrechen.
Sie kann einfach sitzen;
im besten Wortsinn:
sitzen.

II

Kannst du sitzen ohne einzuschlafen?
Bist du in der Lage, deinen Geist derart zu schulen, dass du aufnimmst,
immer nur aufnimmst, in deinem Herzen bewegst, was um dich geschieht?

Es gibt das Phänomen der schweigenden Intelligenz.
Als Lehrer hast du es nicht leicht mit solchen Menschen.
Du kannst nicht leicht erkennen – zumindest nicht auf den ersten Blick nicht.
Du meinst vielleicht, sie wären Träumer,
und tatsächlich sind sie leicht zu verwechseln mit
denen, die spazieren gehen in ihrer Phantasie.
Und dann fragst du direkt,
und du staunst; weil dieses Kind,
sofort bei der Sache ist,
kaum angesprochen –
durchaus eine Antwort weiß.

Ich glaube, dass Jesus genau da hinein schaut.
Er „ergründet die Herzen“. Und das find ich so großartig an ihm.
Maria kommt zur Geltung, aber wenn du ein wenig nachdenkst,
wird auch Martha wieder wichtig:
„Maria hat das gute Teil erwählt“.
Aber die Martha kritisiert er nicht wirklich,
er rückt sie höchstens ein wenig zurecht.
Genau genommen redet er ihr sogar zu.
Überhaupt nicht abwertend muss es klingen,
dieses „du hast viel Arbeit und Mühe.“
Auch da schwingt Anerkennung mit.

III

Martha du tust, was man von dir erwartet.
Du fällst nicht so leicht aus der Rolle.
Martha, Martha – Maria:
Maria aber auch nicht. Selbst als Martha laut wird
sagt Maria überhaupt nichts.
Kein Wort spricht die Hauptperson in unserer Geschichte.
Ihre Rolle ist: Aufmerksamkeit. Damit weckt sie Anstoß.
Jesus nimmt den Ball auf,
und gibt ihm die überraschende Wendung.

Das ist sein Beruf: Der Heiland verblüfft.
„Du hast Spielräume“, sagt er zu ihr.
„Bleib nicht in deinen engen Grenzen!
Du kannst aus der Rolle fallen, ohne ausfällig zu werden.
Tu, was im Augenblick richtig ist.
Verteidige dich nicht, Maria.
Du hast das Gespür, das Taktgefühl:
Was für dich im Moment richtig ist, das tue ganz!

IV

In der Bildungsarbeit kennen wir beide:
Die Redner, die durch ihre eigenen Beiträge lernen,
und die Schweiger, die still arbeiten, aber hoch effektiv.

Jesus lässt beide zu Wort kommen; im Unterricht würden wir sagen:
Die eine meldet sich; und sie kommt dran.
Aber das Stille schätzt er mindestens genauso,
und er erkennt es.
Das ist Jesus!
Er schätzt dich richtig.
Wie du geworden bist, so bist du ihm – recht und wichtig.

Nur die falschen Vorwürfe, die rückt er zurecht.
Was Jesus gar nicht mag: Wenn du meinst,
die andre müsste so sein wie du.
„Messt euch nicht gegenseitig!“ so würde ich seine Worte umschreiben.
„Lass doch einfach das Vergleichen sein! Martha,
du bist recht. Maria ist richtig.
Ihr nehmt einander nichts!“

V

Ich find es mehr als ansprechend, dass hier von zwei Frauen erzählt wird.
Da wird deutlich: Es könnte genauso gut zwei Männer sein.
Der Fischer Andreas und Petrus der Draufgänger;
oder Paulus der Bauchtheologe und Johannes der an Jesu Brust liegt.
Unser Predigttext unterscheidet nicht zwischen männlichen und weiblichen Tugenden;
er unterscheidet zwei Lebensformen, zwei geistliche Existenzen,
die nebeneinander gleich berechtigt sind
und doch miteinander konkurrieren.
Vita activa und vita comtemplativa, so wurden sie einst genannt.
Der Weg der Stille und des Gebets; und die tätige Nächstenliebe.
Man könnte auch sagen: Predigt und Diakonie.

Der Reformator, Martin Luther betonte das aktive Tun,
weil ihm aus seiner Lebenserfahrung das Mönchsleben suspekt erschien;
heute gibt es wieder evangelische Klöster,
weil über der protestantische Arbeitsethik
vielen der Glaube verloren ging,
der Lebenssinn.

Bei uns in Mosbach kennt man Johannes Eckert, den Abt von Andechs,
der als gebürtiger Sohn der Stadt gern zu Vorträgen eingeladen wird:
Andechser Bier: Das Kloster ist ein Unternehmen.
Und der Abt, als Unternehmensberater,
findet den Rat für ein gutes Management
in der Regel des Heiligen Benedict.

Aus dem Gebet heraus Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden,
und sich üben in erfolgreichem Tun. Ich zitiere:

„Es ist gar nicht so einfach, beispielsweise auf einem Seil oder Baumstamm
die Balance zu halten. Einerseits ist es wichtig, sich aus der inneren Mitte,
dem Körperschwerpunkt heraus zu bewegen.
Um nicht abzustürzen, gilt es andererseits,
mithilfe ausgebreiteter Arme die Balance zu halten.“
(Die Kunst, sich richtig wichtig zu nehmen. Führungskompetenz aus dem Kloster, S.63)

Für Martha bedeutet das: Du darfst gern
dein Werk in der Küche tun, aber dass es
dem Gast schlussendlich schmeckt,
liegt nicht an dir. Und:

Schau mal nach Maria.
Vielleicht hilft sie auch dir,
ein klein wenig ruhiger zu werden, bewusster zu leben.
Nachher packst du sie auch wieder am Arm.

Ich glaub,
beim Abwasch am Ende haben alle mit geholfen.
Und übrigens: Auch Jesus hatte eine Schürze! Amen.