Predigten

Torgauerkanzel
Reformationskanzel Torgau

Predigt zum Reformationsfest 2018 am Sonntag darauf.

Predigttext Galater 5, 1-6

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt,
dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr
durch das Gesetz gerecht werden wollt,
aus der Gnade seid ihr herausgefallen.

Denn wir warten im Geist durch den Glauben
auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen.

Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas,
sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Liebe Schwestern und Brüder,

dreiundsiebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird Faschismus wieder hoffähig.
Nicht nur in Pinochets Nachbarland Brasilien wird ein Rechtspopulist zum Präsidenten gewählt.
In Polen, Österreich und Ungarn kommen sogenannte Populisten an die Macht;
in Frankreich und Holland schreien sie mit,
Leute, die sich einen Dreck scheren um die gute Stube der Demokratie.
Plump und frech treten sie auf. Auch in Amerika.
Auch bei uns inzwischen in jedem Parlament.

Man könnte ja sagen: Gut dass es diese Parteien gibt.
Bisher haben sie nur die großen Volksparteien blockiert; jetzt
könnten sie besser identifiziert werden.
Dummerweise trauern Einige den verlorenen Wählerstimmen nach
und richten ihre Politik an den Themen der Ewiggestrigen aus,
anstatt sich klar zum Weitblick und zu Mitmenschlichkeit zu bekennen
und zur Bewahrung der Schöpfung, zur Ökologie.

I

Aus Gottes Quellen zu leben ist ein Motto, das eben mal so leicht über die Lippen kommt.
Aber wenn es an die Umsetzung geht, zucken Viele zurück.

Die ursprüngliche Regierungsform im Volk Gottes war die Anarchie.
Als die Kinder Israels ihm keine Ruhe ließen,
hatte JHWH ihnen ein Zugeständnis gemacht: Ihr dürft auch
einen König haben wie eure Nachbarn;
aber achtet darauf, dass er sich an die Gebote hält!
Das war der Sonderweg der Kinder Israels:
Nicht der König ist absolut;
es gibt unantastbare, göttliche Gesetze. Denen untersteht auch ein König;
und er ist vor allem zu messen an seiner Sozialpolitik:
Christliche Politik orientiert sich an den Schwächsten,
statt ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen.

Wir wissen vielleicht noch, dass die ersten Spuren unserer
sozialen Gesetzgebung aus der Zeit des preußischen Staates stammen.
Sie wurden von einem Politiker lanciert,
der unter starkem Einfluss der protestantischen Ethik stand: Otto von Bismarck.
Seine Mutter eine fromme Beterin.
Otto war ein Kind des frommen Protestantismus.
Was den preußischen Staat betrifft, war er ein Reformator seiner Zeit.
Aber eben
– wie unser evangelischer Martin Luther –
auch eingebunden in die politischen Verhältnisse.
Als Berufspolitiker sogar noch mehr.
Eine durchaus zwiespältige Persönlichkeit ist Otto von Bismarck gewesen,
und doch war sein Tun vom Evangelium geprägt.
Das er von seiner Mutter und den frommen Kreisen der Kindheit gelernt hatte.

Ich finde, das ist auch bei uns so:
Reformation springt nicht einfach raus aus der Geschichte.
Wir übernehmen die Verpflichtungen unserer Jugendzeit.
Wir folgen den Weichenstellungen unserer Vorfahren.
Es gibt Schienen der Zeitgeschichte, aus denen wir uns nicht befreien.
Zumindest aus eigener Kraft nicht.

II

Was also heißt „Freiheit“?
Wovon genau hat uns Christus befreit?
Wo führt er uns hin?

Ich skizziere mal versuchsweise ein Szenarium vollkommener Unabhängigkeit.
Ich hab die letzten Wochen verfolgt, was im Hambacher Forst geschieht.
Da wurde das Bild gezeigt von einer jungen Frau aus dem Baumhaus.
Ihre Rede hat zutiefst beeindruckt.
Sie hat viel verzichtet,
hat vielleicht sogar Verbindungen abgebrochen,
mit Freunden gebrochen, mit der Familie.
Sie engagiert sich. Und fand so neue
Familie, Freunde, Lebenssinn.

Darin ist sie stark geworden, die junge Frau aus dem Baumhaus.
Das macht sie so auffällig, ihre Worte eindringlich:
Du spürst die Seele. Du merkst, sie meint es ernst,
aufrichtig. Ist ganz dabei.
Du würdest nie dieselben Konsequenzen ziehen.
Vor allem würdest du – und würde ich – nie riskieren mit der Polizei in Konflikt zu geraten.
Und doch bewundern wir diese innere Aufrichtigkeit,
diese Klarheit in ihren Worten
und ihren visionären Blick.

III

Eigentlich klingt das Wort Anarchie in unsren
bürgerlichen Ohren viel zu sehr nach Chaos,
nach Willkür und Cliquenwesen. Tatsächlich
ist das auch immer eine der Gefahren, sobald Freiheit propagiert wird:
Freiheit wird ausgenützt.
Freiheit ist widersprüchlich.
Freiheit gefährdet sich selbst.
Wir leben mit dem dauerhaften Verdacht,
Menschen ohne Regeln würden sich in Willkür auflösen.
Nein, sagt das Evangelium.
Und schon die Zehn Gebote sprechen davon.
Genau wie die Seligpreisungen, die wir zu Beginn des Gottesdienstes gesungen haben:
Wer aus der Freiheit lebt, der wird sich nicht selbst verwirklichen.
Wer aus der Freiheit lebt, der trägt in sich genau diesen Kern,
der von Gott kommt, den wir Gotteskindschaft nennen.
Wer aus der Freiheit lebt, braucht keine Ideologie.
Wer aus der Freiheit lebt, der ist so aufrichtig,
da ist ein Ja ein Ja und ein Nein ist ein Nein.
Wer aus der Freiheit lebt, respektiert die Herkunft und geht doch neue Schritte,
aus der Kraft des Glaubens heraus, die ihm die Eltern und Großeltern in die Wiege gelegt haben.
Wer aus der Freiheit lebt, dessen Leben besteht in lauter aktiven Feiertagen:
Sieben Tage hat die Woche; und du hast immer genügend Zeit für dich selbst und für Gott.
Sie merken vielleicht, ich hangle mich an den Zehn Geboten entlang.
Die letzte beiden waren „du wirst Vater und Mutter ehren“
und „du wirst den Feiertag heiligen“:
Wer aus der Freiheit lebt, geht neue Schritte, aus der Kraft und aus der Leistung der Vorfahren.
Wer aus der Freiheit lebt, hat immer genügend Zeit für dich selbst und für Gott.

Gehen wir zur zweiten Tafel: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen:
Wer aus der Freiheit lebt, braucht keinem den Atem zu beschneiden.
Du wirst deinem Nachbarn Gutes gönnen
und freust dich an seinem Leben,
freust sich mit ihm, wenn er Treue und Liebe findet,
Freiheit gönnt dem Nächsten auch seinen Besitz.
Dieses unendliche Gefühl von Freiheit erhebt dich über alle Formen des Neides und der Eifersucht.
Sie macht dich zum Gönner. Du wirst ein Genießer des Lebens.

Das ist der Kern der Seligpreisungen und der Zehn Gebote.
Glücklich bist du, wirst langes Leben erfahren,
wenn aus der Freiheit du lebst
und Freiheit gewährst.
Im Moment noch
und unter gegenwärtigen Bedingungen ist Freiheit ein riskantes Leben;
aber du kannst dich doch nicht auf Dauer abschotten, einigeln und mit Stacheldraht umgeben!

IV.

Sicherheitsdenken ist der Tod der Menschlichkeit.
Wenn du anfängst, dich abzusichern:
Du wirst immer und immer noch eine Lücke finden.

Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt.
Denn in Christus Jesus gilt nur der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Wer nicht aus Glauben lebt, ist zum Paragraphendienst verurteilt.
Und Paragraphenreiterei reitet sich schnell zu Tode.

Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt.
Denn in Christus Jesus gilt nur der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Es ist durchaus vorstellbar, dass das Maß schwer verständlicher Paragraphen die Liebe ist,
quasi als Passepartout der Menschlichkeit: Denk immer zuerst „kann ich damit meine Eltern beglücken?“ oder „mein Kind?“

Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt.

Das Gesetz – da denk ich immer an einen Lattenzaun:
Dazwischen sind jede Menge Lücken.
Und die werden von Blumen gefüllt, die dahinter wachsen,
oder vom Wind, von den Lücken dazwischen.
Gottes Wille ist immer mehr als das Gesetz.

Denn in Christus Jesus gilt nur der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Die guten Regeln entstanden aus der Erfahrung:
Ja, so ist es richtig.
Das sollten wir aufschreiben,
festhalten, an unsre Kinder weitergeben.
Aber wer etwas an die Kinder weitergibt, will diese anregen
zum Selberdenken! Will auf die gute Erfahrung hinweisen,
nicht um sich sklavisch dran zu halten,
sondern um einen eigenen Weg zu finden.

Die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt,
aus der Gnade seid ihr herausgefallen.

Hier wird das Geschenk der Gnade zur Aufgabe.
Schau, was du schönes bekommen hast!
Pack es aus! Fass es an! Lies die Gebrauchsanweisung!
Lerne seine Bedienung, oder besser: lerne damit umzugehen.
Gnade ist wie ein Essensbesteck: Du musst wissen, wie man es benützt,
aber dann wird es dir selbstverständlich; und manchmal darfst du
die Kartoffeln auch mit dem Löffel essen,
die Gabel zum Schneiden verwenden, wenn du es geschickt anstellst,
oder die Suppe ohne Löffel trinken. Du bist frei in deiner Phantasie.
Halte nicht sklavisch fest an sinnlosen Vorschriften.
Es soll dich nur zum Ziel führen:
Zu einem erfüllten Leben.

Denn wir warten im Geist durch den Glauben
auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen.

Das Gute Leben: Ich bin jetzt in dem Alter, wo man dazu neigt,
„früher war alles besser“ zu sagen.
Natürlich war mein Opa ein toller Hecht,
und mein Vater war ein Vorbild für mich.
Aber so leben wie sie? Nein, die Vollkommenheit
war das nicht. Letztendlich hatten sie mir auch auf den Weg gegeben:
„Kind, du sollst es einmal besser haben!“
Gnade ist gerade nicht Rückkehr zu einem früheren Zustand.
Gnade ist Offenheit und Güte zum Weitergehen.

Denn wir warten im Geist durch den Glauben
auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen.

Weder festhalten noch erstarren,
weder verklären noch versinken in Nostalgie.
Oder, wie Johann Peter Hebel sagte:
„Es gibt noch ebbis änedra.“
Gnade heisst, mit den
Gaben Gottes
offen bleiben
für Gott.

V.

In Christus gilt – riskant zu leben.
Das ist die Botschaft des Reformationsfestes.
Ein kleiner, aber feiner Ausblick: Wenn du dafür bezahlen musst,
weil du dieses Risiko eingegangen bist,
dann – so einhellig alle religiösen Quellen –
schenkt Gott dir die Freuden des Paradieses.
Aber wenn du knauserst, wirst du schon in diesem Leben die Hölle erfahren.

Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt,
dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.
Das ist ein spirituelles Gesetz:
Wer sich in geistige Sklaverei begibt,
wird von ihr aufgefressen:
Von der Angst,
von der Sorge um Sicherheit.
Deshalb steht im Glauben:
Seid standhaft.
Bleibt erwachsen! Seid frei!

V.

Dreiundsiebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs
haben wir viel aus der Geschichte gelernt.
Und wir haben gelernt zu lernen;
auch aus Fehlern zu lernen.

Wir wissen, dass Gott nicht in der Politik regiert,
und hoffen doch erneut, dass er der Willkür Einhalt gebietet.
Eines aber ist sicher:
Wer sich auf die Mechanismen der Politik verlässt,
ist verloren. Deshalb lebt der Christ – wie
Martin Luther so schön sagte – allein
aus Glauben, allein aus dem Wort,
und misst auch staatlich
Gesetzbücher am
Zeugnis der
Heiligen
Schrift.

Amen.