Predigten

Die Weihnachtspredigt 2017

„sehen wie er ist“

Predigttext (1. Johannes 3, 1-6):

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.

Seht einfach mal hin!
Schaut Gottes Ebenbild!
Hört seinen Schrei, ein Babyschrei als wäre er einer von uns
– und denkt dabei nicht nur an Kreuz und Plagen,
sondern auch an die Liebe Gottes zu uns.
Denk noch einmal an die Kumpane, die
Heilig Abend neben dir in der Christmette saßen,
und denk dabei: „Welch eine Liebe! Ach, welch eine Liebe
hat uns der Vater erwiesen, dass wir
Gottes Kinder nicht nur heißen,
sondern auch sind!“

Schwestern!
Brüder!
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder!
Das hat was.

Vielleicht ein wenig idealistisch:
„Wir sind eine große Familie.“
Am besten mit einem Appell verbunden:
„Wir sind doch alle eine große Familie!“
Damit soll eingeebnet werden, geglättet meist,
was der große Bruder dem kleinen neidet
– dass Mutti bei ihm nicht mehr ganz so streng war,
zum Beispiel; und umgekehrt die Kleineren:
Du darfst das schon – ich will doch auch.

Und dann
hat eins studiert und das andre nur eine Lehre gemacht.
Und eins der Kinder erbt das Elternhaus – und muss es renovieren.
Das andre wird ausgezahlt: Geld ist flüchtig.

Von wegen „ihr seid doch alles meine Kinder“.
Eher – so stellt sich mit dem Alter der eigenen Eltern oft  heraus:
„ihr seid alle noch ein wenig kindisch“, oder!?

II

Seht das Kind mit Augen der Liebe.
Hört ihr auch
in der Tiefe seiner Seele
den Schrei nach Liebe.
Sieh die Kumpane, die Freunde, die Wegbegleiter:
Alle,
ausnahmslos alle
erfahren Gottes Liebe.
Nicht das macht Familie aus, was du erfahren hast – von Eltern, Geschwistern.
Nicht was die Gotteskinder untereinander tun, einander antun –
und sei es noch so rücksichtsvoll und freundlich:
Zwischenmenschlichkeit allein wäre viel zu vage,
wechselhaft und unzuverlässig.
Dass Gott
dieses Bedürfnis nach Liebe in dich
hinein gelegt hat,
und zugleich jeden von uns
begabt, selbst zu lieben: Das allein
macht liebenswürdig,
Jede
und jeder
ist fähig zur Liebe,
und das,
das allein
hält in uns wach
das Gefühl dafür,
dass Liebe etwas Schönes,
angenehm vollkommenes sei,
in – aller – Unvollkommenheit (die von andern auch Sünde genannt wird).
Das ist die Gemeinschaft der Kinder Gottes:
Trotz aller Sünde:
Du bist geliebt. Amen.

III

Übrigens.
So spontan,
und ganz ohne tiefer nachzudenken,
erkennt man Liebe meist nicht.
Wenn dir jemand
auf der Straße begegnet, da fremdelst du,
überlegst erst einmal: Was ist das für einer,
wird er anständig sein mit mir?
– an Liebe gar nicht zu denken – einfach nur anständig:
„Wird auch dieser Mensch mir mit Respekt begegnen?“

So ganz spontan,
unmittelbar bei der beiläufigen Begegnung
haben wir immer auch im Kopf
den alten Spruch „homo homini lupus“,
der Mensch ist dem andern Menschen
wie ein ätzender, reißender Wolf,
ein grausames, zerstörerisches
Gegenüber, Betonung
auf „gegen“.

Nur wer aus Gott geboren ist,
und auch seinen Bruder, die Schwester,
und zwar nicht nur die leiblichen (die auch !)
als Gott gegeben und neu geboren ansieht, nur der
kann wahrhaft lieben,
überwindet
den spontanen Fluchtreflex,
die Ablehnung alles Unbekannten,
die Angst vor dem Fremden,
die uns so tief eingepflanzt
im Herzen ist, und die
spontane Liebe
oft so ganz
und gar – verunmöglicht.

Wer aus Gott geboren ist,
kann wahrhaft lieben.
Denn Gott ist Liebe.
Hand auf’s Herz:
Das beruhigt.
Das reinigt.
Dieser Satz ist gewissermaßen
das geistliche Putzmittel für alle seelische Verunreinigung,
für alle Dunkelheiten der Seele,
das Heilmittel gegen
die Sünde.

IV

Das ist wie eine Erleuchtung:
dass du den andern, jede
und jeden neben dir – liebst;
nicht nur den Eingeborenen, auch den Fremden;
nicht nur den befreundeten, auch den feindseligen –
mit Augen der Liebe siehst.
Du leihst dir gewissermaßen
Gottes Augen,
blickst selbst mit dem Heilandsblick.

Das ist wie eine besondere Brille.
Nicht wie die Sonnenbrille, die verdunkelt nur den Blick.
Auch nicht schmerzlich wie beim Brennglas.
Die Heilandsbrille Ist keine runde,
keine viereckige Brille,
wenn es denn einer Brille vergleichbar sein soll,
dann sind ihre Gläser herzförmig.
Eben Liebe.
Herz!

V

Und:
Liebe verklärt die Erkenntnis.
Das wussten schon die alten Philosophen:
Es gibt keine Erkenntnis ohne Liebe.
Liebe öffnet die Augen,
ermöglicht den Durchblick,
drum gehört auch dies
zur Liebe:
Adam erkannte sein Weib
und er zeugte einen Sohn.

Die Bibel vergleicht den Adam mit Jesus.
Adam ist das hebräische Wort für Mensch.
„Du Menschenkind wirst Jesusmäßig.
Gott hat sich dir eigeprägt.

Das ist das besondere beim Weihnachtsevangelium des Johannes:
Da fließt der Geliebte mit dem Liebenden ineinander,
Liebe lässt dich mit Gott verschmelzen.
Sie schenkt etwas, weckt Göttliches in dir;
in deinem Herzen kommt der Heiland zur Welt.
Nicht, dass du Wahnvorstellungen kriegst,
dich selbst als göttlich ansiehst!
Und doch ist da etwas
in dich gelegt,
in dein Herz,
deine Seele
von Gott!

Du, sündiger
zwiespältiger Mensch – du bist gemeint:
Jesus, dein Heiland macht dich heil.

Weihnachten ist so einfach.
Und doch wie das Leben, so komplex.
Gott will dich anregen,
will dir zu denken geben. Er weitet den Horizont.
Oder – mit den Worten unseres Predigttextes:

Es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.
Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Wahrhafte Horizonterweiterung.
Gottheit und Menschheit
verschmelzen humorvoll,
vereinen sich.
Jesus ist nicht nur Adam und Eva.
Jesus ist nicht nur Abel und Kain.
Jesus ist Isaak, den man Gelächter genannt hat.
Jesus ist in jeder Person der biblischen Geschichte.
Jesus ist Saras Lachen und Esaus Haut.
Jesus ist Jakobs Schlauheit und Jesajas Phantasie.
Ja, über die Bibel hinaus: Du findest Jesus
im Baby deiner Nachbarin,
in deiner Großmutter
vom Leben gezeichnetem Gesicht,
im Nicken deines Lehrers,
der dich zum Leben ermutigt.
Überall ist Jesus drin.
Weil er überfließt.

Viel zu ernst sind mir die Jesusgeschichten.
Zumindest werden sie für meinen Geschmack
meistens viel zu nüchtern vorgetragen.
Lediglich bei gut geschriebenen Krippenspielen
dürfen die Hirten als Possenreißer auftreten:
Dort, auf dem Hirtenfeld,
wo Nacht und Kälte und Dunkelheit ist,
da ist der Ort für Lustiges.

Ich bin zuerst da.
Dann kommt der Engel.
Dann das Gedrängel
und dann der Bengel,
das Kind wird geboren
zum Heiland erkoren.

„Du hast wohl ein Schaf beim Pupsen gestört,
das hat sich wie Blumenduft angehört.“
Und einer der Könige aus dem Morgenland
hat sich den Popo wund geritten,
so jedenfalls diesjahr beim
Borjemer Krippenspiel.

Tatsächlich ist die Heilandsgeschichte;
die mit dem Stall von Bethlehem anfängt
mit Ostern weitergeht und zu Himmelfahrt thriumphiert
eine Geschichte göttlichen Lachens,
weil Gott hier das Irdische verwandelt.

Da wurden plötzlich Menschen zu Frommen.
Wirte, die sonntags zur Kirche nicht kommen.
Und Hirten, die draußen (sonst) sind bei den Schafen,
die nachts wachen und tagsüber schlafen,
die Krankenschwestern, die Kranke pflegen,
während wir in der Kirche die Stimme regen.

Sie alle knien vor dem Christkind im Stall.
Und obendrüber jubelt das All.
Engel und Sterne schwirren und schweben.
In einer Feldscheue schenkt Gott uns das Leben!

Die Worte und Verse werden verrückt.
Gott hat das Leben mit Wahrheit geschmückt.
Engelslieder erklingen vermischt
mit dem Duft von Schaftalg und ihrem Mist.
Gerüche und Klänge schwirren und klirren.
Das Chaos der Christnacht kann uns verwirren.

In einem Fresstrog, gezimmert roh,
schlummert das Jesuskind auf hartem Stroh.
Und alle, die nicht vor Bequemlichkeit lahmen,
sehen in ihm die Gottheit. Amen.